ARIADNE AUF NAXOS – Essen, Aalto-Theater
Lebenslust und Todessehnsucht: Die Essener Philharmoniker unter Stefan Soltesz haben die gegensätzlichen Seiten der komplizierten Partei gleichermaßen tief durchdrungen. Musiziert wird hingebungsvoll, weich und geschmeidig, sowohl bei den intimen, kammerspielartigen Momenten als auch bei der schwelgerischen Opulenz des Finales. Ständiger Begleiter ist dabei eine gewisse Eulenspiegelei, augenzwinkernd und verspielt, bei der sich der Wiener Soltesz offensichtlich besonders wohlfühlt. Das Ensemble wird vom Orchester auf Händen getragen, mit zum Teil sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Silvana Dussmann (Ariadne), darstellerisch ganz distanzierte Primadonna, gelingen schön phrasierte, dynamisch differenzierte Melodiebögen Ein Schönes war. Der Stimme fehlt es jedoch an Wärme und der spezifisch Strauss‘schen Leuchtkraft, die eher zu Michaela Selingers (Komponist) loderndem Mezzo gehören: Wenn sie sich zur Ekstase von Die Musik ist eine heilige Kunst aufschwingt, bleibt kaum jemand unberührt. Schlicht und einfach wunderbar ist Julia Bauer (Zerbinetta) – nicht nur wegen der brillanten, irrwitzig geläufigen Koloraturen und der vollen, runden Spitzentöne, sondern auch (und das fast noch mehr), weil ihre Virtuosität nicht Selbstzweck ist, sondern zu einem klug durchdachten, sehr sympathischen Rollenporträt gehört. Jeffrey Dowd (Bacchus), ein Aalto-Urgestein, kann diesmal nicht überzeugen: Er kämpft sichtlich mit der kurzen, aber mörderisch schweren Partie, die Stimme klingt matt und kraftlos, die hohen Töne erreicht er nur mit schmerzvoller Mühe. Dafür muß Dowd sogar vereinzelte Buhs einstecken. Aus dem Rest des perfekt aufeinander abgestimmten Ensembles ragen Heiko Trinsinger (Musiklehrer) mit charismatischem Bariton sowie Günter Kiefer (Harlekin) und Andreas Hermann (Brighella) mit schönen Soli (etwa Brighellas Es gilt, ob Tanzen, ob Singen tauge hervor.
Regisseur Michael Sturminger liegt das Stück sichtlich am Herzen. Damit befindet er sich auf einer Wellenlänge mit seinem Landsmann Soltesz, und diese Harmonie ist in jedem Moment spürbar. Sturminger gelingt mit viel Humor, aber auch großem Respekt vor Musik und Text das Kunststück, aus den so oft blockhaft nebeneinander stehen Teilen der Oper ein (ohne Pause gespieltes) szenisches Ganzes zu schaffen. Der Lohn: Großer, langanhaltender Beifall, für das Produktionsteam ebenso wie für das fast durchweg fantastische Ensemble.
-"Operapoint" 03.12.2012
Dr. Eva-Maria Ernst