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Volksoperette
Diese "Volksoperette", ein hiermit neu erfundenes Genre, teilt der Musik eine Protagonistenrolle zu. Regisseur Michael Sturminger gestattet der aus Operettenmelodien herausgebrochenen, ernsten Musik Roland Neuwirths auch dementsprechende Optik:
Ein Orchester (das Kärntner Sinfonieorchester) füllt auf einer Tribüne das Portal der Stadttheaterbühne und stimmt seine Instrumente für eine bevorstehende Darbietung. Noch bevor es losgeht, steigen einzelne Musiker von den Stufen und versammeln sich stumm an der Rampe. Die Ouvertüre hebt in halber Besetzung an und erzeugt so ein erstes amputiertes Klanggebilde, eine Melodie voller Güte und Verve, jedoch halbiert!
Sturminger löst auf eine bereits im Text grundgelegte Idee hin die Figuren aus dem Musikkörper heraus: Über die glitzernden Konzertkleider ziehen die Schauspieler alte Mäntel über und "spielen" rücklings (dann nach vorne gedreht) in einer schwarzen Stadl-Box (Bühne: Andreas Donhauser) weiter. Sie spielen nicht, sondern sie tasten sich zunächst über das Verlesen von Regieanweisungen an Realität und Figuren heran. In der Diskrepanz zwischen Narration ("Man hört einen Schuss") und ihrer Darstellung (Man hört keinen) eröffnet Sturminger jenen Spielraum, der hinter die Behauptungen blicken lässt, hinter eine vorgegebene und einzuholende "Wahrheit".
Marthaler-Arbeiten
Seine Erzählweise legt zugleich deren Struktur offen und damit hebt er den Text über seine Ursprungsidee hinaus. Momenthaft so brillant, dass man in den immer wieder von rätselhafter Streichermusik und Liedern in Schwebe gebrachten Szenen an Marthaler-Arbeiten erinnert wird.
Silke Hassler, von der es heuer noch zwei Uraufführungen geben wird, und Peter Turrini behaupten - jenseits jeder Groteske oder Farce - ein Märchen. Ein Märchen, in dem ein offenkundig antisemitischer Bauer dem jüdischen Schneider (Lukas Miko) in seinem Stadl dann doch ein Bier spendiert. Ein Märchen, in dem es für ausgemergelte jüdische Häftlinge (Alexander Kaimbacher, Ursula Strauss u. a.) nichts anderes zu tun gibt, als in Passionsspielkostümen Wiener Blut zu proben. Je mehr Hassler und Turrini behaupten, was nicht wahr sein kann, umso näher rückt es dem nicht darstellbaren Kern.
Rückwechsel
Dazu hätte es zwar der paar Tupfer Lokalkolorit (rotes Dirndl, Strohballen) nicht mehr bedurft (Kostüme: Renate Martin), und ein wenig wie "brav zu Ende geführt" wirkt auch der lang gezogene Rückwechsel in die Konzertkleidung, Details am Rande.
Es bleibt ein berückender Abend, in den Intendant Dietmar Pflegerl völlig zurecht investiert hat. Standing Ovations von einem hochkonzentrierten Publikum.
-MARGARETE AFFENZELLER, "Der Standard"10.03.2007
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