Michael Sturminger
Orfeo ed Euridice

Orfeo ed Euridice

Orfeo ed Euridice / 2007

Opera by Christoph Willibald Gluck

 

Production: Town Theatre Klagenfurt

Der frisch verheiratete Orpheus verliert seine Gattin, die Nymphe Eurydike, durch einen Schlangenbiss. In seiner Verzweiflung beschließt er, in die Unterwelt hinab zu steigen und sie dem Tod zu entreißen. Sein Klagegesang rührt die Götter. Die Rückkehr Eurydikes in die Welt der Lebenden ist jedoch an eine Bedingung geknüpft: Orpheus darf seine Gattin nicht ansehen, wenn er sie aus dem Reich der Schatten führt. Doch von Liebe und Sehnsucht überwältigt, überschreitet er das Verbot und verliert Eurydike erneut. Im Gegensatz zur griechischen Sage erweisen sich in der Oper die Götter gnädig und geben Orpheus die Gattin ein zweites Mal zurück. Die Liebe hat den Tod besiegt.

Immer wieder hat der antike Mythos vom Göttersohn Orpheus, der mit seinem Gesang und Harfenspiel die Grenzen des Todes überschreitet, Komponisten fasziniert. So gibt es mehr als 50 Vertonungen, welche die Gestalt des thrakischen Sängers in den Mittelpunkt stellen, darunter Monteverdis L’ Orfeo, die älteste bis auf den heutigen Tag lebendig gebliebene Oper. 1762 bedienten sich Christoph Willibald Gluck und sein Librettist Ranieri de’ Calzabigi des Stoffes, um die zur Schablone erstarrte Opera seria zu erneuern. In ihrem Vorwort zur Partitur der Oper Alceste (1767) umrissen die Autoren ihre Reform-Prinzipien, die auch schon Orfeo ed Euridice prägten: “Schlichtheit, Wahrheit und Natürlichkeit”.

Gluck fasste den emotionsgeladenen Stoff in eine musikalische Form, welche Calzabigis Libretto, das sich ganz auf das tragische Verhältnis der beiden Liebenden konzentriert, deskriptiv folgte. Expressive, vom Orchester begleitete Rezitative, einfache, liedhafte Arien, große Chor- und Tanzszenen, die von der Handlung motiviert sind, sowie treffend eingesetzte Orchesterfarben bedeuteten einen ersten Schritt in Richtung des Musikdramas, dessen Vollendung erst das 19. Jahrhundert bringen würde.

Cast: Evgenia Grekova, Anna Kovalko, Daniel Belcher, Ballett der Oper Graz.
Сonductor: Michael Brandstätter.
Dramaturgy: Heiko Cullmann.
Сhoreography: Darrel Toulon.
Set and Costume designer: Renate Martin, Andreas Donhauser.
Stage director: Michael Sturminger.

Der virtuelle Schlangenbiss
Glucks “Orfeo ed Euridice” als zeitgeistiges Beziehungsdrama

Klagenfurt – Die im antiken Original letztendlich erfolglosen Versuche des Protagonisten, seine tragisch verstorbene Geliebte zurückzugewinnen, ließ der italienische Textdichter Ranieri de’ Calzabigi in ein Happyend münden, das den Intentionen einer “Reformoper” wesentlich näher schien: Euridice darf ein zweites Mal in die Arme ihres Gatten sinken.

Dieser glücklichen, göttlichen Fügung gehen bekanntlich zahlreiche Hindernisse voran, deren Überwindung Regisseur Michael Sturminger am Stadttheater Klagenfurt mit unkonventionellen Mitteln demonstriert:

Euridices Hinscheiden im Krankenbett (mitsamt Infusionsflasche, Priester, Totenwaschung, Aufbahrung …) sowie die darauffolgenden Trauerbekundungen lässt er am Ende in umgekehrter zeitlicher Abfolge Revue passieren, Hades und Furien erscheinen in satanskultischer Aufmachung, Eros als dralles Showgirl!

Bühnenbild und Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser verstärken mit plakativer Materialwahl eine Atmosphäre der grellen Gegensätze: Tag und Nacht, Leben und Tod. Stetig wechselnde Schauplätze dramatisieren diese Antipoden. …

Das Ballett der Oper Graz (Choreografie: Darrel Toulon) fegt mit atemberaubender Aktion über die (für das Tanzkonzept fast zu kleine) Bühne, besonders eindrucksvoll gelingt die Verkörperung der Unterwelt! Der hauseigene Chor wird seiner tragenden Rolle in beachtlicher Manier gerecht.

Michael Brandstätter führte das Orchester bei der Premiere am Donnerstag mit nachhaltiger Gestik und bisweilen höllischem Tempo (Ouvertüre!) durch die Partitur!

– BERNHARD BAYER, “Der Standard” 15.12.2007

 

Himmel und Hölle im Nebenzimmer

Glucks “Orfeo ed Euridice” am Stadttheater Klagenfurt. Getragen von meditativer Traurigkeit. Gelungen in der szenische Realisierung, musikalisch nur im mittelmäßig.

So ein Finale wäre eigentlich nur beim Film möglich! Aber der in diesem Medium ebenfalls erfahrene Michael Sturminger schafft es auch auf der Theaterbühne wie im Schnellrücklauf noch einmal alle durchwanderten Episoden von “Orfeo ed Euridice” bis zum Beginn zurückzuspulen. Offenbar um zu zeigen, dass alles Erlebte auch nur Illusion und Traum sein kann. Damit belässt Sturminger auch den Ausgang der mythologischen Geschichte, die er im Heute spielen lässt – im Gegensatz zum Happy end der Festoper von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) offen.

Drehbühne. Um diesen Kreislauf zu unterstreichen, hat sich der Regisseur von Renate Martin und Andreas Donhauser (auch für die modernen Kostüme verantwortlich) auf die Drehbühne mehrere Zimmer bauen lassen: Ein zusammengewürfeltes mit Blümchentapete, ein unheimlich schwarzes, das in der Hölle sein könnte und ein weißes, himmelsgleiches. Es sind jene Orte, an welchen Orpheus nach Eurydike sucht.

Schlangengleich. Zwischen Elysium und Hades, wo es ihm gelingt eine stetige, meditative Traurigkeit zu erzeugen, sind alle, auch die Nebenfiguren, liebevoll ausgeformt. Dabei bedient sich Sturminger des vom Grazer Opernhaus ausgeborgten Balletts, das mit mitreißenden Bewegungstanz, kreiert von Darrel Toulon, begeistert. Vor allem dann, wenn die Tänzer schlangengleich aus einem Loch des Höllenbettes gleiten. …

– HELMUT CHRISTIAN, “Kleine Zeitung”

 

Zauber zwischen Bad und Hain

… Die insgesamt wohl gelungene Neueinstudierung am Stadttheater Klagenfurt bedient sich der “italienischen” Wiener Fassung aus 1762. “Orfeo ed Euridice” verdichtet sich in der Regie Michael Sturmingers von Akt zu Akt. In ein zeitlos-abstraktes Heute versetzt, wirkt die antike Tragödie nicht minder. Auch mit dem von Gluck bevorzugten Happy End einer schließlich nach zweimaligem Tod ins irdische Leben zurückgeholten Eurydike.

Musikalisch erweisen sich die Chorszenen in der Partitur des Opernreformers durch das Besingen von Empfindungen wie Trauer, Freude und Zorn von besonderer Ausdrucksintensität.

Und hier setzt der Regisseur noch eins drauf: Die Kommentare des professionell singenden Chores zum Handlungsablauf werden tänzerisch überzeugend verdeutlicht. Ein Genieblitz, der dieser Produktion dank der intelligenten Choreografie Darrel Toulons und dank der ausgezeichneten Ausführung durch Mitglieder des Balletts der Oper Graz Ansätze zum Unvergesslichen schenkt. Dazu fünfteln Renate Martin und Andreas Donhauser klug die Stadttheaterdrehbühne und präsentieren so guckkastengleiche Spielstätten des Dies- und Jenseits: Die optische Palette reicht von einem Badezimmer der Zwischenkriegszeit bis zu einem beseelend ausgeleuchteten Birkenhain. Eurydike stirbt also im Bad, und Orpheus blickt auf sie zurück im Wald.

“Was fang ich ohne Eurydike an”, vermeint in der Folge trefflichst der junge amerikanische Bariton Daniel Belcher – mit zu Beginn der Aufführung eher zurückhaltend eingesetzten stimmlichen Mitteln und einer unüberhörbaren Steigerung zu emotionaler Gestaltung zum guten (?) Ende hin. Der skurril gestylte Amore Evgenia Grekovas führt mit dunkel timbriertem Sopran den verwitweten Sänger zu seiner Eurydike. Und diese entpuppt sich in der eindringlichen Gestaltung Anna Kovelkos als optisch wie gesanglich gleichermaßen anbetungswürdiges Wesen.

Mit Dirigent Michael Brandstätter und dem konzentriert bis klangschön aufspielenden Stadttheaterorchester wäre auch Gluck nicht unzufrieden gewesen. Starker, berechtigter Premierenbeifall.

Gelungen.

-OSKAR TONKLI, “Wiener Zeitung”

 

Wanderung von Elysium zum Hades

Am Ende bleibt alles offen. Darf Eurydike ein zweites Mal in Orpheus’ Arme sinken wie in Christoph Willibald Glucks Oper? Oder muss sie endgültig sterben wie im antiken Original? Man weiß es nicht, denn Michael Sturminger deutet den uralten Mythos als Vision des Orpheus und lässt als geniale finale Idee seiner Regie alle Stationen der Story wie beim Film in Zeitraffer detailgetreu bis zum Anfang zurücklaufen.

Liebe zum Detail, Ideenreichtum und Zeitlosigkeit sind die positiven Aspekte dieser Produktion im Stadttheater Klagenfurt. Genauso wie die sich drehende Bühne mit mehreren modernen Räumen: einer davon schwarz und grauslig wie der Hades, einer weiß und schick wie das Elysium von “Orfeo ed Euridice”.

Dazu kommt ein ständig begleitender, expressiver Ausdruckstanz durch das Grazer Ballett (Choreograf: Darrel Toulon) mit teils atemberaubenden Aktionen, so als wilde, furchterregende Furien in der Unterwelt. …

– NIKE GABRIEL, “Kurier” 18.12.2007